die unglaubliche geschichte des herrn topowski

Herr Topowski erinnert sich an das Wetter

wetter

Es herrscht Wetterleere. Oder, da es eine wirkliche, vollständige Abwesenheit von Wetter eigentlich nicht gibt, so herrscht zumindest eine irritierende Durchsichtigkeit der Luft, des Raums, der ganzen schalen Umgebung mit ihren Ziegelbauten. Die Reg- und Gestaltlosigkeit des Wetters betont das Kulissenhafte der Straße. Ich gehe Richtung Dorfzentrum und die Vorgärten, Hausmauern, der Teerbelag der Fahrbahn scheinen intensiver, eine Spur zu klar erkennbar, als fehlte ihnen die übliche Wetterschicht, welche an normalen Tagen die Objekte des Alltags vor allzu genauen Betrachtungen schützt. Ich erinnere mich. In einer Altenstätte hatte ich einmal eine Freundin meiner deutschen Großmutter davon reden hören, daß sich das Wetter an überaus seltenen Tagen aufhebe, indem es sich aus Gründen, die die einen für unerfindlich, die anderen für völlig auf der Hand liegend hielten, durch sich selbst teile. Damals hatte ich der Freundin meiner Großmutter nicht geglaubt, auch hatte ich längst die angeblich so sehr auf der Hand liegenden Gründe vergessen, doch waren die Sätze der alten Dame seltsam oder bedeutsam genug, in meinem Gedächtnis abgespeichert zu bleiben.

Ich spaziere über die Straße. Das Wetter, ich sage es einmal so, leistet keinerlei Widerstand. Hinter und unter mir und rings um mich erstrecken sich in diesem nichtigen Wetterzustand Ziegelhäuser, Wiesen und Äcker. Das lange nicht geputzte Schaufenster einer verwaisten Fahrschule. Das frisch geweißte Piktogramm eines Radfahrers auf dem Bürgersteig könnte auch eine polizeiliche Unfallzeichnung vorstellen. Über den verunglückten Radler jagt ein winziger behelmter, aus einer Sprayschablone stammender Skipilot über die nächste Hauswand hinfort. Reglose Herbstblumen entsenden unaufgeregt ihre matten Farben. Vor einer weißen Gardine, die ihm als Bühnenvorhang dient, springt mit vor überschnappendem Gekläffe schon blutiger Schnauze und endloser Energie ein Schoßhund immer wieder und wieder von innen gegen die Fensterscheibe eines Reihenhauses.

Ich stehe am Tresen der Schnellpizzeria im Ortszentrum und warte auf meine Bestellung. Noch bin ich nicht an der Reihe. Zwei Kollegen, deren Gesichter ich kenne, sitzen am einzigen Plastiktisch und essen ihre Pizzen. Im Fernseher an der Wand läuft ununterbrochen eine Wettersendung. Die beiden Studiomoderatoren, ein Mann und eine Frau, schalten in alle möglichen Landesgegenden zu Amateurreportern, die in Lyon und in der Bretagne und an der Côte d`Azur auf ihren Skateboards, beim Joggen, beim Hundeausführen mit einer Kamera in der Hand nachweisen, daß dort, wo sie sich aufhalten, gerade Wetter stattfindet. Die Pizzen der beiden Kollegen sind mit gekochten Kartoffelscheiben belegt. Die Fernsehmoderatorin freut sich über das Wetter im südlichen Elsaß. Die Kollegen werden ihre viel zu großen Pizzen nicht vollständig verzehren. Ich habe Colmar aus dem Fernsehen ganz anders in Erinnerung, aber David (19), wie Name und Alter des Amateurwetterreporters eingeblendet werden, fängt eine unbestimmte Straßenflucht ein, in der definitiv Sonne und Schatten auszumachen sind. Einer der Kollegen hält ein Pizzadreieck in die Höhe, von dem der Käse in zähen Fäden zurück auf den Boden der Pappschachtel fließt. Er besieht sich die Kaskaden. Er wirkt satt. Durch die sich verformenden Lücken der Käsekaskaden fällt mein Blick nach draußen. Ich begreife: Das Wetter findet hier und heute ausschließlich im Fernsehen statt.

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