die unglaubliche geschichte des herrn topowski

Eine Bademantelschönheit

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Ich sehe sie. Blanche. Im Bademantel. 17 ist sie. Im Bademantel sitzt sie, hockt sie, an die Haustür gelehnt, im Vorgarten ihrer Eltern. Sie liest. Der Briefträger hat ihr einen Brief gebracht. Von mir ist er nicht. Wäre er doch von mir! Geschrieben habe ich ihr nie. Blanche. Das Knattern des Mopeds des Postboten, das sich am Ende der Straße verliert. Sie sitzt, sie hockt, ihr goldblondes Haar – wie effektiv es ihr Gesicht umrahmt! Sie wirkt Meilen entfernt, der Vorgarten ist so grün, ein Grün wie im Spielfilm, Technicolor, es ist allerbestes Grün, es ist grell, es ist zu grün, grün sei die Farbe der Hoffnung, heißt es, aber dieses Grün schlägt alles tot.

Sie hockt dort im Bademantel an die Haustür gelehnt und liest einen Brief, den nicht ich ihr geschrieben habe, obwohl dieser Brief unbedingt von mir sein sollte, ganz klar. Sie hockt dort und der Bademantel gibt ihren Schenkel frei, ein Wunder von einem Schenkel, als sei es die natürlichste Sache der Welt. Ich stehe unter Schock, ich schaue Blanche beim Lesen zu, ihr Gesicht verrät nichts über den Inhalt des Briefes. Die Meisen schimpfen. Wer weiß, ob sie überhaupt liest, vielleicht ist dieser Brief für Blanche nur Vorwand, ihre Schönheit der ganzen Nachbarschaft zu präsentieren. Sie sieht mich nicht, aber sie weiß, daß jeder sie sieht.

Und wieder sehe ich Blanche. Immer wieder sehe ich Blanche, seit wie vielen Jahren geht das nun schon so? Blanche in ihrem weißen Bademantel, ihr goldumlocktes Haupt. Als sie 17 war, 18, 19, habe ich sie auf dem Weg zur Arbeit oft morgens dort hocken sehen, sogar im Winter lehnte sie manchmal im Bademantel an der Haustüre und starrte versonnen auf die Post. Doch nun ist alles anders. Dies ist ihr Haus, nicht das Haus ihrer Eltern, auch wenn sich beide Häuser gleichen. Blanche ist 30, 40 oder 50. Oder schon 60? Wie alt bin ich? Wie alt wird ein Maulwurf? Spielt es eine Rolle, wie alt ein Maulwurf wird? Alles ist nun anders. Zum ersten mal verstehe ich, daß Blanche ihre Post wirklich liest.

Die Post, die Blanche liest, ist nicht von mir. Sie hat an sich selbst geschrieben. Ich sehe ihr Gesicht mit 17, 18, 19 und es ist ihr Gesicht mit 30, 40, 50. Blanche liest sich ihr Leben vor. Sie liest sich vor, was sie im Leben werden wollte und was aus ihr geworden ist. Und ich, der immer in ihr Leben treten wollte, der ihr nie geschrieben geschweige denn sie angesprochen hat, schaue ihr dabei zu. Ihr Gesicht verrät nichts. Keine Regung. Kein Ärger, keine Freude, keine Hoffnung. Das sage ich so. Ich komme in ihrem Brief nicht vor. Blanche, die seit Jahren verheiratet ist. Kein Ärger, keine Freude, keine Hoffnung: das ist mein Leben, mit Blanche hat das garnichts zu tun.

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