die unglaubliche geschichte des herrn topowski

Eine schneegelbe Winternacht

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Das schummernde Licht. Aus dem nächtlichen Winter gehauenes Gelb. Der Schnee fällt durch ein kosmisches Sieb, strebt schwerelos zur Mitte zwischen Himmel und Erde, driftet in Böen von dort fort und punktiert schließlich mein Gesicht. Das Knirschen meiner Sohlen auf dem Schneebelag. Unter dem Schneebelag verschiebt sich in kleinen Erdrutschen der Grund. Tentakelnde Pappeln schwanken im Takt der jaulenden Windstöße, kumpeln mich an. Die letzte Bar hat längst geschlossen, und hätte sie noch geöffnet: in einer solchen Nacht wäre niemand dort anzutreffen.

Die Schneenächte sind menschenleer. Mit meinen Stapfen hinterlasse ich die Fährte eines wilden vereinzelten Tiers: auf dem Bürgersteig, quer über die Straße. Zum Morgendämmer sind sie längst wieder überschneit und verweht. Echte Abenteuer habe ich eigentlich nie erlebt. Ich stelle mir vor, wie der ungestüme Pulverschnee mit Millionen feiner Nadelstiche mein Gesicht umnäht, zu einer Fantomas-Maske. Im gelben Schummer über den schneebedeckten Feldbrachen lauert ungeheure Gefahr: der fürchterliche Gott des Alltags und des Schlafs, der mir, sobald ich ganz in mir selbst versunken bin, die Nase langzieht.

Und dann sind da noch die Schneetiere, die niemand sieht. Von meinen Stapfen angelockt, kommen sie hervor. Kalte, schweigsame Verbündete. Sie erscheinen nur in den gelben Schneenächten. Sie bestehen aus Schnee und Laternenlicht, sind mehr Schemen als Tiere, aber doch Tiere, wilde schneefellige Tierchen, die, mehr hauchend als fauchend, kleine Löcher in die Schneedecke kratzen, lautlos scharren, die säuseln wie das angeschliffene Heulen irrlaufender Böen, die immer nur ganz kurz aufscheinen, Trost verströmen, aber nie greifbar werden, redliche Tiere, schummrig, furchtsam und schneegelb.

Wenn ich verschwunden sein werde, schnuppern sie vielleicht an meinen Spuren. Sie vergessen so leicht. Sie schaben das Laternenlicht von ihren Körpern und halten es für einen Moment wie eine Scherbe in ihren Pfoten. Sie lieben es, sich zu löschen. Wenn ich von diesen Tieren erzähle, hält man mich für verschroben, wenn nicht für verrückt. Und wohl bin ich auch verschroben, als einziger durch die Schneenacht zu stapfen, wenn selbst in der Bar niemand mehr anzutreffen ist. Was macht man nur, wenn man verschroben ist? Das nächste Mal sollte ich die Schneetiere fotografieren. Das nächste Mal, wie lange ist das schon her?

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