die unglaubliche geschichte des herrn topowski

Los-en-Gohellegeles

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Am Ortsrand, am Rande einer schlichten Wohnsiedlung, wo der Ort in den Acker übergeht, finde ich, verdeckt von Gestrüpp, sozusagen mitten im Gebüsch, eine Infosäule. Vernachlässigt steht sie da, hüfthoch, technisch hochgerüstet, eine in der Landschaft verlorene Erzählerin. Sie weiß alles über die Geschichte der artesischen Landwirtschaft. Dies sei Rote Beete-Boden. Rote Beete, Rote Beete. Mit Rote Beete habe ich nicht viel am Hut, doch war sie, warum fällt mir das nun ein, das absolute Lieblingsessen Topowskis, eines polnischen Freundes, wo mag er nur abgeblieben sein.

Ein Mann nähert sich, weil er mich beim Auffinden der Infosäule beobachtet hat: „Sie haben sie also gefunden. Sie steht nicht sehr günstig hier. Sie funktioniert, wissen Sie, Sie müssen sie anrufen, mit so einem Gerät, wenn Sie das haben, dann können Sie die Säule anrufen und sie sendet Ihnen noch viel mehr Informationen. Das, was Sie hier lesen können, das ist nichts, Sie können der Säule auch zuhören, sie telefoniert mit Ihnen, wenn Sie so ein Gerät haben, ich komme gerade nicht auf den Namen, warten Sie, ich habe so eins auch nicht, ich habe die Säule hier nur aufgestellt, schön, daß Sie sich dafür interessieren, Smart Phone, jetzt hab ichs, Sie brauchen ein Smart Phone.“

Ich habe kein Smart Phone. Die Säule erzählt mir dennoch, Erzählen ist ihr Beruf. Sie erzählt von der Landwirtschaft vor der Maschinisierung, dem Auffinden der Kohle und dem Verbleib der landwirtschaftlichen Nutzfläche, die sich selbst nach dem Niedergang der Kohle immer noch über 70 Prozent des Gemeindegebiets erstreckt. Sie erzählt von Roter Beete, mindestens drei Rezepte behalte ich in Erinnerung. Sie redet gerne übers Essen, über die rote Knolle, sie redet sich heiß. Sie hat einen seltenen Zuhörer gefunden. Daß sie in dieser versteckten Ecke, in der es meist nach Hundekot rieche, ein tristes Dasein friste. Daß sie Teil sei eines futuristischen Tourismusprogramms, eine Spezialistin unter vielen, sie selbst eben spezialisiert auf die Landwirtschaft, auf Rote Beete und daß viele ihrer Säulenschwestern aus der Gegend sprössen.

Während unserer Zwiesprache beginnt es zu dunkeln. Täusche ich mich, oder fängt die Säule an zu wachsen? Ja, verrückt, sie wächst. Langsam und gewaltig. Bald überragt sie mich, und unser Gespräch verwandelt sich in einen grimmigen Monolog, ein digitales Säulensäuseln, bald erreicht sie die Höhe eines Kirchturms, bald verstehe ich nicht mehr, ob sie noch weiter wächst und wie weit und sowieso schon nicht mehr, was sie erzählt. Über das flache Land erheben sich zur selben Zeit weitere Säulen. Sie scheinen miteinander zu kommunizieren. Sie blinken wie Leuchttürme. Ich sehe Säulenaufstellerkolonnen durch die Gegend hasten. Die Säulen haben sich eingerichtet in der Nacht. Sie sondern nurmehr Geräusche ab, die einst Geschichten gewesen sein könnten. Die Säulenaufsteller wirken ratlos. Und stolz: „Diese Säule habe ich aufgestellt, als sie noch klein war.“ Spät in der Nacht künden die Säulen von Eltern, die die Sprache ihrer Kinder nicht mehr verstehen.

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